Jugendwaren und Altenteile
Zuerst die gute Nachricht: Wir werden immer älter. Im Schnitt steigt die Lebenserwartung pro Jahr um weitere drei Monate. Das klingt wunderbar, als ob man erst vier Maß Bier tankt und bei der Polizeikontrolle doch nur drei im Blut hat. Nun zur schlechten Nachricht. Die viel gepriesene Konsumgesellschaft macht beim Thema Alter schlapp. Unser Jugendwahn produziert nur Jugendwaren. Für Altenteile ist kein Platz, kein Markt, keine Zielgruppe. Das muss sich schleunigst ändern. Nichts wächst so schnell wie die Zahl der Senioren; im Jahr 2030 werden die über 60jährigen mehr als ein Drittel der Deutschen stellen, manche Statistiker sprechen sogar von der Hälfte. Die künftigen Oldies gehören dann längst nicht zum alten Eisen, müssen sich aber mit den Tücken des Alltags und seinen Gegenständen herumschlagen. Mit winzigen Schriften, elegant versteckten Druckknöpfen, mit Multifunktionsgeräten, deren Menüwahl ein Ingenieursstudium voraussetzt, sowie mit Autos, deren sportlicher Einstieg für Schumis Erben ausgelegt ist. Kurz: sie bevölkern eine Welt, deren Dinge nicht für sie geschaffen sind.
„Das Leben ist wie ein Haus“, schwärmt der amerikanische Demografie-Experte James Vaupel, „wenn man es sorgfältig pflegt und immer repariert, kann es sehr, sehr alt werden.“ Doch was nützt einem die schönste Villa, wenn man sich in ihr nicht mehr zurechtfindet? Sie werden kommen, die guten Dinge für die Zeit der Rente. Und sie werden sich nicht mehr im Fachgeschäft für Reha-Patienten verstecken, sondern im Kaufhaus ums Eck stehen und auf der ersten Seite des Versandkatalogs. Von dieser Normalität sind wir heute meilenweit entfernt.
Nicht nur für Alte, sondern für alle!
Universal Design schließt ein und grenzt nicht aus. Bereits Mitte der 1980er Jahre hatte sich der Begriff „Barrierefreiheit“ eingebürgert. Doch erst das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) von 2006 schuf einen rechtlich verbindlichen Rahmen. Etwa zeitgleich verankerte die am 13.12.2006 verabschiedete UN-Konvention „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ Schlüsselbegriffe wie Würde, Teilhabe sowie Selbstbestimmung als zentrale Grundwerte. Sie zielte auf Chancengleichheit aller in einer barrierefreien Welt. Artikel 2 definiert Universal Design als „Design von Produkten, Umfeldern, Programmen und Dienstleistungen in der Weise, dass sie von allen Menschen möglichst weitgehend ohne eine Anpassung oder ein spezielles Design genutzt werden können“.
Eben diese UN-Konvention ist Ausdruck eines Paradigmenwechsels: Alle Menschen besitzen die gleichen unveräußerlichen Rechte. Integration und Selbstbestimmung stehen im Zentrum. In dieser neuen Lesart wandeln sich Menschen mit Behinderungen wandeln sich von Patienten zu Bürgern. Nicht Defizite, stehen im Zentrum, sondern die gleichberechtigte Einbeziehung aller. Das Ziel: eine Welt vielfältiger Zugänge und Optionen zu eröffnen.